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Randnotiz


Wir begegnen uns
Von Zeit zu Zeit
Du fragtest mich schon
Nach der Uhrzeit
Und ob der Bus gleich käme

 

Du hast die achtzig Jahre
Schon überschritten, so meine Schätzung
Gehst ohne Gehhilfe
Und was mich fasziniert
Sind deine weichen Züge
Als hätte dir das Leben nicht mitgespielt


Du siehst zufrieden aus
Hast immer ein Lächeln auf den Lippen
Nur deine Hände sprechen eine andere Sprache
Die Verknöcherungen um die einzelnen Fingergelenke
Zeugen von einer starken Arthrose


Deine Kleidung ist schlicht und zweckmäßig
Du führst einen Trolley mit 
Um dir den Einkauf zu erleichtert, vermute ich

 

Heute saß ich direkt neben dir im Bus
Es ergab sich so
Wir sprachen über den Frühling
Der sich jetzt auch im Norden zeigt


Wie von selbst erzähltest du mir
Von deiner Heimat Pommern
Wie du dieses Land lieben würdest
Aber hättest nicht den Mut gehabt
Dich nach dem Kriege auf die Reise zu begeben
Du wolltest dich erinnern
So wie sich die Bilder in deinem Kopf abrufen lassen


Du sprachst von deinem Mann
Der nun schon vier Jahre auf dem Nordfriedhof liegt
Auch erwähntest du deine Kinder und Enkel
Die dich zu Ostern besuchten
Dass du dich schon heute auf Weihnachten freust
Weil die Familie dann wieder zusammenkommt
Wir lachten bei diesem Gedanken
Mit einem Augenzwinkern sagte ich:
Dass uns nun eine andere Jahreszeit erfreut

 

Weiter kamen wir nicht
Ich hatte mein Ziel erreicht
Und verabschiedete mich
Die alte Dame winkte mir noch nach

 

© Sabine Fenner

Fot by Pixabay/Alexas_Fotos

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