In froher Erwartung

Stina saß am Fenster und schaute auf die Förde. Es war Heiligabend. Wie jedes Jahr hatte man sie ins Bett gesteckt, damit sie noch etwas zur Ruhe kam vor der Bescherung.

Sie hörte ihre Mutter in der Küche hantieren. Es roch schon köstlich nach Entenbraten. Stina war viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Es hatte leicht angefangen zu schneien. Sie hoffte auf einen nagelneuen Schlitten, denn einen eigenen besaß sie nicht.

Im Schuppen stand noch ein selbstgezimmerter aus Kriegstagen, den sie mit ihren Geschwistern teilen musste. Überhaupt trug sie immer die abgelegten Kleider ihrer Geschwister auf, aber damit hatte sie sich abgefunden. Ihr kleines Kinderherz verstand schon, dass ihre Eltern bescheiden lebten.

Gerne besuchte sie ihre Freundin Mona, die wohnte in einer Villa am Stadtrand.  Der Vater ihrer Freundin war Prokurist in einer Holzfirma. Stina staunte oft über die Dinge, die ihre Freundin besaß. Mona verfügte auch über einen kleinen elektrischen Herd, auf dem sie schon köstliche Gerichte zubereitet hatten. Stina konnte nur eine Puppe ihr eigen nennen, die schon reichlich abgegriffen aussah. Aber das Christkind versäumte nie, sie neu einzukleiden, was Stina jedes Jahr aufs Neue sehr glücklich machte.

Stina drückte ihre kleine Nase an die Fensterscheibe, um besser sehen zu können. Der Schneefall hatte zugenommen. Jetzt würden sie gleich um die Ecke kommen, die Kirchenuhr schlug bereits zur achten Stunde. Ihr Vater trat jedes Jahr seinen Dienst in der Kirche an. Ihre Geschwister sagen im Chor. Sie hätte dort auch gerne mitgesungen, aber sie war noch zu jung. So reichte es nur für den Kinderchor, der sang zu früherer Stunde. Danach war sie mit ihrer Mutter schon einmal vorausgegangen, damit sie das Festessen vorbereiten konnte.

Endlich! Ihr Vater und ihre Geschwister stapften den Berg hinauf. Stina hüpfte vom Stuhl und schaltete das Licht an. Auf dem alten Ledersessel lag ihr bestes Kleid, das ihre Mutter selbst geschneidert hatte. Sie mochte es nicht besonders, denn der Stoff kratzte. Sie trug lieber eine Hose -  lief im Sommer barfuß. Aber heute beeilte sie sich. Es fehlte noch die weiße Strumpfhose, die sie auch nur an besonderen Festtagen trug. Ja, und zu guter Letzt schlüpften ihre kleinen Füße in die neuen Lackschuhe, die drückten, da sie sie selten trug. Heute war sie willig und moserte nicht, denn mit ihren Gedanken war sie schon im Weihnachtszimmer.

„Stina“, ihre große Schwester rief sie. „Du kannst jetzt kommen“. Stina öffnete die Tür und nahm zwei Stufen auf einmal, um schneller unten zu sein. Marie nahm sie bei der Hand. „Komm Stina, wir setzen uns noch einen Moment in die Wohnküche und warten gemeinsam aufs Glöckchen“. Stina hatte rote Wangen vor Aufregung. Sie nahmen auf der Holzbank Platz, wo auch ihr Bruder schon wartete. Gespannt lauschten sie...

Ach, und endlich war es soweit! Die Wohnzimmertür öffnete sich. Stina war jetzt nicht mehr zu halten. Sie lief voraus. Doch im Türrahmen blieb sie stehen. All der Lichterglanz überwältigte ihre kleine Kinderseele. Auf dem Kachelofen brutzelten Bratäpfel, die sie so liebte. Stina ging ein paar Schritte vorwärts und schaute verstohlen unten den Baum. Da stand ein Schlitten. Auf einem der Holzlatten stand zu lesen „Für Stina“. Stina hüpfte und jubelte. „Mama, Papa... schaut nur, ich habe einen Schlitten bekommen.

Heute ist Stina längst erwachsen, lebt schon in der zweiten Lebenshälfte. Der Schlitten existiert immer noch. Wenn es im Winter geschneit hat, dann holt sie ihn vom Dachboden und reiht sich ein ins fröhliche Treiben am Berg...

© Sabine Fenner

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