DIE NICHTS VONEINANDER WUSSTEN - eine Kommissarin ermittelt

In den Mittelpunkt ihres Kurzkrimis stellt die Autorin eine junge Kommissarin, die mitten in der Nacht von ihrem Chef ans Rheinufer beordert wird. Dort hat man eine Frauenleiche aufgefunden.

Heute ein kleiner Ausschnitt...

 

Es war noch stockdunkel. Sie konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Gott sei Dank, das Schloss an ihrem alten Käfer reagierte sofort auf den Schlüssel, den sie umständlich hineingeschoben hatte. Mit quietschenden Reifen verließ sie den Parkplatz und fuhr in Richtung Rheinufer. Sie erreichte ihr Ziel ohne Zwischenfälle.

 „Wo liegt die Leiche?“, befragte Jette ihren Kollegen. „Komm mit, es sind nur ein paar Schritte!“ Tollpatschig stolperte sie hinter Ernst her. Richtig wach war sie immer noch nicht. „Habt ihr die Leiche schon identifiziert?“ Ernst brummelte etwas in seinen Bart, was sich so anhörte wie: „Nein, dazu brauchen wir dich ja, sonst hätte ich dich ja nicht rausgeklingelt.“ Irgendwie wirkte Ernst heute anders auf sie. Er schien total überarbeitet.

Eine schwarze Plastikfolie war das Erste, was Jette sah. Ernst stand jetzt neben ihr, sehr nahe, was sonst gar nicht seine Art war. Er legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte mit fester Stimme: „Du musst jetzt ganz tapfer sein!“ „Warum, was ist denn los?“ Sie schaute Ernst ins Gesicht, konnte dort aber keine weitere Regung entdecken. Er wies einen Polizisten an, die Folie anzuheben. Sie wusste natürlich von anderen Einsätzen, dass der Anblick einer Frauenleiche nicht gerade angenehm war, aber diesmal schien alles anders zu sein. Ein mulmiges Gefühl stellte sich ein. Wahrscheinlich mehr ein Hungergefühl. Die letzte Mahlzeit war vor 12 Stunden in ihren Magen gelangt.

Der tote Körper war jetzt abgedeckt. Wie immer schaute sie zuerst in das Gesicht der Leiche. „Ernst, das ist ja mein Ebenbild!“
 „Ja, darum habe ich dich auch angerufen. Vielleicht kannst du uns weiterhelfen…“ Sie räusperte sich, denn es verschlug ihr fast die Sprache.

„Wann ist sie gestorben und wie?“ „Der Doc meint, sie ist ca. fünf Stunden tot. Äußere Verletzungen weist die Leiche nicht auf. Er vermutet eine Überdosis, die Leiche wurde nur hier am Rheinufer abgelegt. Genaueres wird die Obduktion ergeben.“

In Jettes Kopf kreisten die Gedanken. Da gab es also ein dunkles Loch in ihrem Leben. Sie wunderte sich, denn irgendwelche Empfindungen hatte sie nicht. War sie wirklich schon so abgestumpft? Ihr Unterbewusstsein weigerte sich, diese Frage zu beantworten.

Jette wandte sich wieder Ernst zu, der sie immer noch ein wenig besorgt musterte und erklärte: „Ich kenne die Geschichte dieser Frau nicht, kenne nur meinen bisherigen Lebensweg. Der scheint ja jetzt total durcheinander gewirbelt zu werden. Ich weiß nichts von einer Zwillingsschwester. Wuchs als Einzelkind auf. Die Tote habe ich noch nie gesehen. Ich werde morgen recherchieren. Wenn du mich hier nicht mehr brauchst, würde ich gerne wieder mein Bett aufsuchen.“ „Fahre nur!“ Ernst streichelte ihr kurz über die Wange. Tat er immer, wenn er sich Sorgen um sie machte. Dann wünschte er ihr eine gute Nacht. Er blieb noch. Wie in Trance ging sie zu ihrem Auto zurück, stieg ein und fuhr davon...


 

 © Sabine Fenner

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Kommentare: 2
  • #1

    Angelika Fleckenstein (Donnerstag, 08 Januar 2015 18:33)

    Wann wirst Du das Buch herausbringen? Ich bin so gespannt!!!

  • #2

    sabinefenner (Freitag, 09 Januar 2015 10:41)

    Vielen Dank, liebe Angelika. Dieser Ausschnitt ist aus meinem ersten Kurzkrimi
    "DIE NICHTS VONEINANDER WUSSTEN", der bereits erschienen ist. Ich schreibe zurzeit an einem weiteren Band. Meine Protagonistin, Jette Duban, ist immer noch
    dem Verbrechen auf der Spur... ;)